Systemische Auswirkungen bei Verlust eines Familienmitgliedes durch Fremdtötung

von Marcus Woggesin – 01. November 2023

Meine Abschlussarbeit mit dem Titel "Systemische Auswirkungen bei Verlust eines Familienmitgliedes durch Fremdtötung" beschreibt die gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach Psychotrauma sowie psycho-soziale und gesellschaftliche Herausforderungen für zurückbleibende Angehörige.

Hier ein Auszug aus dem Vorwort:

... In meinem Praktikum und Mitarbeit bei ANUAS e. V. – Hilfsorganisation für Angehörige von Mord-/Tötungs-/Suizid- und Vermisstenfällen – hatte und habe ich mit Menschen zu tun, die durch die gewaltsame Tötung eines Familienmitgliedes zum Teil schwerst traumatisiert sind. Ich erlebe mit, dass die Angehörigen durch inkompetentes und unangemessenes Verhalten von Polizei, Behörden und Institutionen, vom sozialen Umfeld und sogar von Ärzten und Psychotherapeuten häufig Re-Traumatisierungen ausgesetzt sind. Auch hier habe ich in Workshops Vorträge zu den Themen "Traumafolgen" sowie "Klientenzentrierte Gesprächsführung" gehalten, um die Öffentlichkeit für einen verständnisvollen und wertschätzenden Umgang mit Betroffenen zu sensibilisieren.

Für Opfer von Gewaltverbrechen gibt es nur wenig Hilfe und Unterstützung. Für die Angehörigen gibt es fast gar keine. Hilfseinrichtungen für Traumaopfer arbeiten größtenteils ehrenamtlich und kämpfen um ihre finanzielle Existenz.

Zudem bemängeln nahezu alle Hinterbliebenen, dass Deutschland ein Täterstaat sei. Den Freiheitsrechten eines Täters wird in diesem Land mehr Beachtung geschenkt als den Sorgen und Nöten der Opfer und deren Angehörigen. Wer nicht selbst betroffen ist, kann sich kaum in die Angehörigen hineinversetzen und höchstens ein Stück weit nachempfinden, wie es sich anfühlen muss, das Kind, die Schwester, den Bruder oder den Partner durch Mord oder Totschlag zu verlieren. Der Ruf der Angehörigen nach einer gerechten Strafe und Wiedergutmachung wird laut. Doch worin könnte die Wiedergutmachung eines Mordes bestehen? Der Mensch ist tot und kommt nicht zurück. Recht und Gerechtigkeit sind ebenfalls zwei verschiedene Schuhe. Opfer und Hinterbliebene fühlen sich von Behörden, Polizei, Politik und Gesundheitssystem im Stich gelassen. Ihr Vertrauen in andere Menschen ist seinen Grundfesten erschüttert. Nichts ist mehr wie vorher.

Oft fehlt das Verständnis von Verwandten, Freunden und Arbeitskollegen, wenn der Trauerprozess der Betroffenen nach einer "angemessenen Zeit" immer noch nicht abgeschlossen ist. Arbeitsplatzverlust, Entwicklung von Suchtproblematiken, sozialer Abstieg, das Auseinanderbrechen von Familien, Suizidgedanken und ausgeführte Suizide sind beileibe keine Seltenheit.

Doch was ist in diesem Zusammenhang "angemessen"? Wer will das beurteilen? Und wer will bestimmen, wie lange ein Mensch zu trauern hat? Viele Lehrbücher machen diesbezüglich klare Aussagen. Allerdings sieht die Realität in den allermeisten Fällen ganz anders aus. Und das versuche ich, in meiner Abschlussarbeit darzustellen.

Oft finden Angehörige gar keine Zeit zum Trauern, weil sie über Monate und Jahre mit der Aufklärung des Todesfalls beschäftigt sind. Erst wenn die Hinterbliebenen das Gefühl haben "ich habe alles in meiner Macht stehende getan, jetzt kann ich nichts mehr tun, um zur Aufklärung des Mordes oder zur Ergreifung des Täters beizutragen"…, oder wenn der Täter ermittelt und verurteilt ist, dann erst beginnt für die Familien der Trauerprozess. Vorher werden lediglich Überlebensmechanismen in Gang gesetzt, die Menschen verdrängen den Schmerz und funktionieren wie Roboter, um ihren Alltag mehr schlecht als recht zu bewältigen. Meist sind bis dahin die Traumafolgestörungen längst chronifiziert, was eine Traumatherapie umso schwieriger macht. Überdies sind viele Betroffene nicht bereit, eine Therapie zu beginnen, aus Angst, ihr ganzes Leben, von ihrer Kindheit angefangen, vor den TherapeutInnen ausbreiten zu müssen.

Eine ressourcenorientierte Herangehensweise und ein respektvoller, wertschätzender Umgang mit traumatisierten Menschen sind daher unabdingbar, um hinterbliebene Familienmitglieder darin zu unterstützen, ihren Weg zurück ins Leben zu finden.

Die Abschlussarbeit kann bei www.active-books.de als eBook oder www.anuas.de als PDF-Datei kostenfrei heruntergeladen werden.